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DAS „SCHĀHNĀME“ IN FRANKREICH UND DER FERDOWSIANISCHE EINSATZ DES ORIENTALISTEN JULIUS VON MOHL

Bereits vor rund fünf Jahrhunderten eröffneten die Werke von Saadi Schirazi – insbesondere „Būstān“ und „Golestān“ – dem französischen Publikum den Zugang zur reichen geistigen Welt des islamischen Orients. Sie veränderten grundlegend die damals verbreiteten Vorstellungen, wonach die Völker des Orients als barbarisch, unzivilisiert und geistig rückständig galten. Vielmehr führten sie dazu, dass Frankreich – zu jener Zeit eine führende Kulturnation Europas – mit Bewunderung und Respekt vor einer humanistischen und universalen Gedankenwelt stand, die in der persischen Literatur in einzigartiger Weise Ausdruck gefunden hatte.

 In der Folge wandten sich französische Gelehrte sowie andere europäische Intellektuelle – Deutsche, Engländer, Niederländer, Russen und Ungarn – verstärkt den Werken von Fariduddin Attar, Dschalal ad-Din Rumi, Saadi und Hafis zu und schöpften aus deren literarischem Reichtum.

Im Gegensatz dazu blieb Ferdowsi – der Schöpfer des monumentalen Epos Schahname – bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein weitgehend unbekannt in Europa. Trotz gelegentlicher Erwähnungen wurde er weder als herausragender Dichter noch als visionärer Gestalter einer idealisierten Weltordnung wahrgenommen, sondern blieb im geistigen Leben Frankreichs lange marginalisiert.

Ein erster Hinweis auf das Schāhnāme findet sich bei Jean Chardin, der Ferdowsi jedoch lediglich als Chronisten betrachtete und den literarischen Wert seines Werkes vernachlässigte. Diese eingeschränkte Sichtweise prägte auch spätere Forscher. Erst 1788, im Kontext der Französische Revolution, veröffentlichte der Orientalist Louis-Mathieu Langlès eine Auswahl aus dem Schāhnāme und stellte Ferdowsi auf eine Stufe mit Saadi. Obwohl er die Unvollkommenheit seiner Übersetzung erkannte, betonte er die literarische Bedeutung des Werkes und äußerte den Wunsch nach einer vollständigen Übertragung.

Während die Werke Saadis, Hafis’ und Rumis bereits mehrfach in europäische Sprachen übersetzt worden waren und Dichter wie Victor Hugo inspirierten, blieb das Schāhnāme weiterhin unvollständig übersetzt und vergleichsweise unbeachtet. 

Die Rezeption des „Schāhnāme“ in Frankreich: Julius von Mohl als Vermittler Ferdowsis

Mit der Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass Ferdowsi eine der größten Gestalten der Weltliteratur ist – ein Dichter, dessen Werk mit epischen Traditionen wie Homers Ilias und Odyssee vergleichbar ist.

Im Jahr 1826 beschloss der französische Staat offiziell, das Schāhnāme vollständig ins Französische übersetzen zu lassen. Mit dieser Aufgabe wurde der Orientalist Julius von Mohl betraut. Da zu jener Zeit keine verlässliche Gesamtausgabe existierte, begann Mohl zunächst mit der kritischen Edition des Textes. Er verbrachte mehrere Jahre in London und Paris, verglich zahlreiche Handschriften und wertete bedeutende europäische Archive aus.

Nach intensiven Forschungen, in deren Verlauf er 35 Manuskripte untersuchte, widmete Mohl über vier Jahrzehnte seines Lebens der Arbeit an diesem Werk. Seine französische Übersetzung erschien zwischen 1838 und 1878 in sieben Bänden und stellt die erste vollständige und wissenschaftlich fundierte Übertragung des Schāhnāme in eine europäische Sprache dar. 

Zur Biographie von Julius von Mohl

Julius von Mohl wurde am 25. Oktober 1800 in Stuttgart geboren. Er studierte Theologie und Philosophie an der Universität Tübingen und setzte seine Ausbildung später in Paris fort, wo er unter anderem bei Silvestre de Sacy Persisch erlernte.

 Er war Professor für Persisch am Collège de France und spielte eine zentrale Rolle in der Société Asiatique. Trotz politischer Spannungen während des Deutsch-Französischer Krieg setzte er seine Arbeit fort. Nach seinem Tod im Jahr 1875 wurde die Übersetzung von seinem Schüler Barbier de Meynard vollendet.

Vierzig Jahre mit dem „Schāhnāme“: Besonderheiten der Übersetzung

Mohl bemühte sich um größtmögliche Texttreue und vermied sowohl Vereinfachungen als auch Verfälschungen. Ergänzend verfasste er ausführliche Kommentare zu historischen, mythologischen und literarischen Aspekten des Werkes.

In seiner Einleitung ordnete er das Schāhnāme neben den großen Epen der Weltliteratur ein, darunter die indischen Werke Mahabharata und Ramayana sowie das mittelalterliche deutsche Nibelungenlied. Seine Arbeit wurde zu einer grundlegenden Referenz für die europäische Orientalistik.

Die Bedeutung von Mohls Arbeit

Vor der Rezeption des Schāhnāme dominierten in Europa vor allem die homerischen Epen sowie germanische und nordische Heldensagen. Im Vergleich dazu bot das persische Epos eine weitaus komplexere Verbindung von Mythologie, Geschichte und geografischer Identität.

Mohls Übersetzung eröffnete dem Westen erstmals einen umfassenden Zugang zur iranischen Epik. Trotz unvermeidbarer sprachlicher Verluste bleibt seine Arbeit ein Meilenstein der Literaturvermittlung und bildet bis heute eine wichtige Grundlage für die Forschung.

Ferdowsi in der französischen Literatur

Seit dem 19. Jahrhundert hat Ferdowsi einen festen Platz in der französischen Literatur. Autoren wie Victor Hugo ließen sich von ihm inspirieren, insbesondere in Werken wie „La Légende des siècles“.

Auch Maurice Maeterlinck griff Motive aus dem Schāhnāme auf, etwa in seinem Drama Pelléas et Mélisande. Später würdigte Abel Bonnard Ferdowsi als einen der größten epischen Dichter überhaupt.

Mit der vollständigen Übersetzung durch Jules Mohl trat das Schāhnāme endgültig aus dem regionalen Kontext der iranischen Literatur heraus und wurde zu einem integralen Bestandteil der Weltliteratur.

Obid Shakurzoda

01.02.2026