
„SPRACHE IST MEHR ALS EIN KOMMUNIKATIONSMITTEL“ – EIN GESPRÄCH MIT MUNISA MURSALZODA
27.03.2026
Buchara zählt zu den ältesten Zentren der Weltzivilisation und wird von vielen vor allem als historische Stadt wahrgenommen. Für Munisa Mursalzoda jedoch ist sie weit mehr als nur ein Geburtsort – sie ist ein Raum, in dem sich Identität, Sprache und Weltbild formten.
In diesem Gespräch spricht sie über die Rolle der Sprache beim Erhalt von Nationen, über gesellschaftliche Verantwortung sowie über die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Erwähnenswert ist zudem, dass die Österreich Tadschikische Kulturgemeinde gemeinsam mit Munisa Mursalzoda am 1. Mai 2026 um 17:00 Uhr im Kulturzentrum der tadschikischen Gemeinschaft in Österreich die Veranstaltung
„Das literarische und kulturelle Erbe der Samaniden“ organisieren wird.
Zu dieser kulturellen Veranstaltung sind alle in Österreich lebenden Tadschikinnen und Tadschiken sowie Interessierte und Gäste herzlich eingeladen.
Anlässlich dieser Gelegenheit haben wir ein Gespräch mit Munisa Mursalzoda geführt, um sie dem an persischer Kultur interessierten Publikum näher vorzustellen.
Und hier ist unser Interview mit der Kulturaktivistin Munisa Mursalzoda:
ÖTK: Frau Mursalzoda, würden Sie sich bitte kurz vorstellen? Wo beginnt Ihr Lebensweg?
Munisa Mursalzoda:
Ich bin in Buchara geboren und aufgewachsen – einer Stadt, die über Jahrhunderte hinweg ein Zentrum von Wissenschaft, Kultur und persisch-tadschikischer Literatur war.
Mein Leben begann in einem Umfeld, in dem Geschichte nicht nur in Büchern existiert, sondern im Alltag spürbar ist – im Rhythmus der Straßen, in den Stimmen der Menschen, in den Traditionen.
Ich bin in einem kulturellen Raum groß geworden, in dem die Muttersprache, der Respekt vor der eigenen Kultur und das nationale Selbstbewusstsein zentrale Werte waren. Dieses Umfeld hat nicht nur meine Persönlichkeit geprägt, sondern mir auch ein Gefühl von Verantwortung vermittelt – gegenüber der Sprache, der Kultur und meiner eigenen Identität.
ÖTK: Was bedeutet Buchara für Sie – Herkunft oder Identität?
Munisa Mursalzoda:
Buchara ist für mich nicht nur Herkunft. Es ist ein Fundament der Identität. Eine Schule des Lebens. Eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.
Die Stadt ist für ihre Architektur bekannt, doch ihr eigentlicher Wert liegt in ihrem kulturellen Geist. In Buchara ist Geschichte nicht still – sie lebt weiter: in der Sprache, im Alltag, in den Traditionen der Menschen.
Gerade dieses Umfeld hat in mir ein tiefes Verantwortungsgefühl für meine Wurzeln geweckt.
ÖTK: Welche Rolle spielt die persisch-tadschikische Sprache in Ihrem Leben?
Munisa Mursalzoda:
Für mich ist diese Sprache weit mehr als ein Kommunikationsmittel. Sie ist eine Sprache des Denkens, der Emotion und des Ausdrucks.
Sie ist eng mit meinen persönlichen Erinnerungen, meinen Lebenserfahrungen und meinem Weltbild verbunden. Durch sie denke ich nicht nur – ich verstehe die Welt. Und ich präsentiere durch sie meine Kultur auch nach außen.
ÖTK: Wie wichtig ist Sprache für den Erhalt nationaler Identität?
Munisa Mursalzoda:
Sprache ist eine der zentralen Säulen nationaler Identität. Wenn wir über Sprache sprechen, sprechen wir in Wirklichkeit über Geschichte, Erinnerung und Weltverständnis.
Sie ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation, sondern ein System des Denkens – ein Rahmen, in dem wir die Welt wahrnehmen.
Geht die Muttersprache verloren, reißen auch die Verbindungen zu den eigenen Wurzeln ab. Deshalb bedeutet der Schutz der Sprache zugleich der Schutz der Identität.
ÖTK: Sie bezeichnen sich als Liebhaberin der klassischen persischen Literatur. Wo liegen die Ursprünge dieser Verbindung?
Munisa Mursalzoda:
In meiner Familie, in meiner Heimat – in der kulturellen Atmosphäre Bucharas.
Dichtung war ein natürlicher Teil unseres Alltags. Meine erste Begegnung mit klassischer Literatur entstand durch Gespräche mit Älteren, durch die Bücher in unserem Zuhause.
Mit der Zeit wurde daraus ein tiefes Verständnis. Die klassische Literatur hat mir Schönheit, Weisheit und Erkenntnis vermittelt:
Schönheit in der Sprache, Weisheit in der Bedeutung und Erkenntnis als Kraft zur Selbst- und Welterkenntnis.
ÖTK: Welche Autoren haben Sie besonders geprägt?
Munisa Mursalzoda:
An erster Stelle Rudaki, Hafis, Saadi, Ferdousi und Rumi.
Ihre Werke sind zeitlos – sie überschreiten Raum und Epoche. Jedes Mal, wenn ich sie lese, habe ich das Gefühl, dass ihre Worte auch heute noch relevant sind.
ÖTK: Sie engagieren sich aktiv für den Erhalt der Sprache. Können Sie uns mehr darüber erzählen?
Munisa Mursalzoda:
Das ist für mich прежде всего eine persönliche Verantwortung.
Ich versuche, durch kulturelle Programme und durch Aktivitäten in sozialen Medien die Schönheit und den Wert unserer Sprache und Literatur sichtbar zu machen – besonders im Ausland gewinnt diese Arbeit an Bedeutung.
Doch der wichtigste Ort bleibt die Familie: Wenn eine Sprache zu Hause nicht lebt, wird es schwierig, sie außerhalb zu bewahren.
ÖTK: Mit welchen Herausforderungen sieht sich die tadschikische Sprache heute konfrontiert?
Munisa Mursalzoda:
Ein zentrales Problem ist der Rückgang ihrer aktiven Nutzung – besonders unter jungen Menschen und in der Diaspora.
Globalisierung und der Einfluss anderer Sprachen spielen ebenfalls eine Rolle. Doch letztlich geht es nicht nur um äußere Einflüsse, sondern um unsere eigene Haltung.
Wenn der Respekt vor der Sprache schwindet, gerät auch die Sprache selbst in Gefahr.
ÖTK: Welche Rolle spielt die Diaspora beim Erhalt von Sprache und Kultur?
Munisa Mursalzoda:
Eine Schlüsselrolle.
Außerhalb der Heimat verliert die Sprache ihr natürliches Umfeld. Sie muss bewusst gepflegt und weitergegeben werden.
Hier sind kulturelle Initiativen und vor allem Familien entscheidend – sie bilden die Brücke zwischen den Generationen.
ÖTK: Und welche Rolle kommt dabei den Frauen zu?
Munisa Mursalzoda:
Eine grundlegende.
Die Mutter ist die erste Person, die Sprache weitergibt. Sprache entsteht lange vor der Schule – im Zuhause. Deshalb spielen Frauen eine zentrale Rolle beim Erhalt der kulturellen Identität.
ÖTK: Ihre Botschaft an junge Menschen aus dem persischsprachigen Raum?
Munisa Mursalzoda:
Verliert eure Sprache nicht.
Seid stolz auf sie. Lernt sie. Denkt in ihr. Denn Sprache ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation – sie ist ein jahrtausendealtes Erbe.
Ihre Zukunft liegt in euren Händen.
ÖTK: Und abschließend – wie sehen Sie die Zukunft der persisch-tadschikischen Sprache im 21. Jahrhundert?
Munisa Mursalzoda:
Die Zukunft der Sprache hängt von uns ab.
Wenn sie sich den Bedingungen der Zeit anpasst – in Technologie, Medien und digitalen Räumen – wird sie nicht nur überleben, sondern sich weiterentwickeln.
Vorausgesetzt, wir bewahren unsere Liebe zu ihr und tragen aktiv zu ihrem Fortbestehen bei.
ÖTK: Vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg auf Ihrem Weg.
Munisa Mursalzoda: Vielen Dank!